David Kaplan’s Fotoreise in die Dolomiten



Unser heutiger Gastautor heißt David Kaplan und kommt aus Zürich. Hauptberuflich arbeitet er in der Softwareentwicklung; als Ausgleich zu dem trockenen Büroalltag verbringt er einen bedeutenden Teil seiner Freizeit unter freiem Himmel, um aussergewöhnliche und spektakuläre Landschaftsaufnahmen auf die Speicherkarte zu bannen. Seinen Flickr-Stream findet ihr hier.

Über die Reise

Normalerweise bevorzuge ich auf meinen Fototouren das Motorrad als Fortbewegungsmittel der Wahl, weil man damit auch auf kleinen Nebenstrassen zu Bauernhöfen fahren kann, jederzeit die Möglichkeit hat zu wenden oder das Motorrad an den Wegrand zu stellen, wenn man einen guten Aussichtspunkt erreicht hat. Das Auto ist da halt schon deutlich unflexibler.

Auf der einwöchigen Reise in die Dolomiten waren aber sowohl meine Frau dabei, als auch meine Mutter. Ausserdem war es anfangs Oktober auch schon etwas zu kalt für längere Motorradtouren. Daher war ich mit dem Auto unterwegs und musste auch Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse meiner Mitreisenden – Für mich das grösste Handycap.

Einquartiert waren wir im Fassatal, gleich unterhalb des Sellajochs, das sich als fotografisch grösster Juwel herausstellte. Natürlich waren wir jeden Tag irgendwohin unterwegs. Aber das Problem auf Reisen ist immer, dass man meistens nicht bei den bestmöglichen Lichtverhältnissen fotografieren kann, was es für mich mehr oder weniger uninteressant macht.

Ausrüstung

Es ist immer wieder erstaunlich für mich, wie oft man besonders an touristischen Orten nach der Kameraausrüstung gefragt wird. Die Idee, dass eine gute Kamera (automatisch) auch gute Fotos hervorbringt, ist in den Köpfen vieler Menschen so fest verankert, dass man sie nur mit viel Aufwand vom Gegenteil überzeugen kann. In aller Regel reicht eine Einsteiger-Spiegelreflex mit Kitobjektiv völlig aus. Ich selbst nutze mittlerweile zwar auch eine Nikon D700 mit einer Reihe Lichtstarker Festbrennweiten, aber dafür habe ich auch spezielle Anwendungsbereiche, die sich den meisten Naturfotografen wahrscheinlich nicht stellen werden.

Viel wichtiger ist ein gutes Stativ, dass genügend leicht und stabil ist, um es immer dabei zu haben. Grau- und Polfilter erweitern die kreativen Möglichkeiten und sollten auch immer dabei sein.

Vorbereitung

In der Regel entstehen meine Fotos zuerst einmal im Kopf. Ich verbringe viel Zeit mit Google Earth, um spannende Gebiete für Landschaftsfotos auszumachen. Mit Hilfe der Sonnenstand-Funktion ermittle ich grob die optimalen Zeiten für ideale Lichtverhältnisse und plane so meine Reise an diesen Ort. Dann muss ich nur noch auf optimales Wetter warten und wenn es so weit ist, schwinge ich mich aufs Motorrad und fahre wenn nötig auch mehrere Stunden in der Nacht, um beim optimalen Licht vor Ort sein zu können. Generell bevorzuge ich den Abend, da ich dann vorher die Möglichkeit habe die Landschaft bei Tageslicht genauer anzusehen und mir so gute Fotospots gleich vormerken kann.

Im Urlaub ist das alles natürlich etwas anders. Da hängt viel vom Zufall ab – zumindest wenn man nicht alleine unterwegs ist. Auf meiner Reise durch die Dolomiten konnte ich den einen oder anderen Glückstreffer landen, aber die besten Fotos sind allesamt geplant gewesen. Auf unserer Fahrt durch das Gebirge habe ich mir potentielle Spots in der Nähe unseres Wohnortes gemerkt und habe ihnen – alleine – bei möglichst guten Umweltbedingungen erneut einen Besuch abgestattet.

Eine Portion Glück gehört natürlich bei Naturfotos immer dazu, aber ein Grossteil des Fotoergebnisses hängt von Geduld und Beharrlichkeit ab – nicht von der Ausrüstung. Nebst der Vorbereitung muss man auch vor Ort einiges richtig machen. Dazu ein kurzer Praxisbericht:

Vor Ort

Als angefressener Nacht-Landschaftsfotograf musste ich unbedingt die Gebirgswelt rund um das Sellajoch im Mondschein fotografieren. Kein Auge hätte ich zumachen können, wenn ich inmitten einer so Traumhaften Bergwelt schlafen müsste. Ich wusste, dass ich in dieser Nacht da raus musste, um das zu fotografieren, was um diese Uhrzeit Niemand sonst tun würde. In der ersten klaren Nacht wartete ich darauf, dass sich der zu drei Viertel volle Mond über die ersten Berggipfel schieben würde. Das war dann für mich das Startsignal. Nach nur 15 Minuten Fahrt hatte ich mein Zielgebiet bereits erreicht. Ich stellte das Auto auf einen Parkplatz direkt vor einer riesigen Felswand aus Dolomit, welcher von zahlreichen Tannen geflankt wurde. Dort begann dann die Suche nach dem geeigneten Standort für ein Foto. Trotz dem Einsatz einer Nikon D700 und eines 24mm-f/1.4-Objektivs muss man sich für eine Handvoll Standorte pro Nacht entscheiden, da die Belichtungen insgesamt bis zu 30 Minuten beanspruchen können. Freilich hatte ich im Mondschein nicht ganz so lange Belichtungszeiten gebraucht, aber meine Zeit war trotzdem sehr begrenzt, da sich zu Hause zwei Frauen über meinen Verbleib Sorgen machten. Nach zwei, drei Fotos war ich total ernüchtert. Irgendwie kam die Grösse der Felswand einfach nicht rüber. Ich musste also ein Bildelement mit auf das Foto bringen, welches die Grössenverhältnisse deutlicher vor Augen führt, als eine Ansammlung von Tannen. Mein Auge fiel auf mein Auto. Schnurstraks stellte ich das Standlicht ein und fand schon nach kurzem Suchen einen geeigneten Standort. Direkt am Strassenrand führte der Seitenstreifen zum parkierten Auto. Das 24er ersetzte ich durch ein 50mm, welches dem Hintergrund mehr Raum gibt und so die Relationen realistischer zeigt wie das Weitwinkelobjektiv. Um die Höhe zu betonen wählte ich das für Landschaftsfoto eher ungewöhnlichere Hochformat. Das Auto musste in den goldenen Schnitt, also brauchte ich einen tiefen Aufnahmestandpunkt. Knapp über dem Boden stellte ich dann mein Stativ auf (übrigens eines ohne Mittelsäule, damit ich jederzeit soweit runter komme wie möglich). Die Blende natürlich so weit auf wie möglich, um den Vordergrund unscharf zu bekommen, was Räumlichkeit erzeugt und den Hintergrund ganz leicht aus dem Fokus zu bringen, was dem Foto nochmals einen plastischeren Look gibt. Scharfgestellt wird über LiveView mit manuellem Fokus auf die Scheinwerfer. Der Kontrastumfang ist sehr hoch.  Wir haben alles Mögliche von im Schatten liegenden Gebirgskuppen bist zu einem direkt in das Objektiv strahlenden Scheinwerfer. Obwohl das Foto auch mit ausgefressenem Scheinwerferlicht attraktiv geworden wäre, so ist hier ein gut gemachtes HDR das Tüpfelchen auf dem „i“. Als das sehe ich die oft verwendete HDR-Technik in meinen Fotos auch an. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wegen der knapp bemessenen Zeit verzichtete ich hier auf ein neoHDR (meine eigens dafür entwickelte Aufnahmetechnik mit Spezialsoftware), und versuchte die Szene mit einem klassischen HDR mit Belichtungsreihe einzufangen. Um die Belichtungszeit ausreichend kurz zu halten (wegen den Sternen-Strichspuren) über die verschiedenen Belichtungen hinweg, stellte ich die ISO auf 400 hoch und liess von der D700 eine Bracketing-Reihe mit 5 Belichtungen automatisch durchlaufen. Das Ergebnis war schon beim zweiten Durchlauf überzeugend und ich konnte mich nun mit gutem Gewissen auf den Heimweg machen.

Bildbearbeitung

Auch wenn ich mittlerweile genügend Erfahrung habe, um schon nach dem Abdrücken weiss, ob ein Foto was wird oder nicht, so ist der Teil der Bildbearbeitung für mich immer noch am spannendsten. Erst nach erfolgreicher Bildbearbeitung kann ich mein Foto endlich so sehen, wie ich es mir vor meinem inneren Auge immer vorgestellt habe. Endlich kann ich ihm so Form und Farbe verleihen, wie ich es vor Ort selbst erlebt habe. Für mich ist gerade darum die HDR-Technik so spannend, weil sie mir die volle Kontrolle über die Kontraste und Details gibt, die ich bei herkömmlicher EBV so nicht hätte. Die Belichtungreihen geben mir auch die Sicherheit, dass ich alle Details einer Szene sicher im Kasten habe.

Mein üblicher Workflow sieht so aus: Die Belichtungsreihe nach dem korrekten Weissabgleich (ist meistens schon auf der Kamera korrekt eingestellt) als 16bit-TIFF via CaptureNX2 exportieren. Dadurch habe ich die bestmögliche RAW-Konverter-Qualität und auch eine automatische CA-Korrektur. Die verschiedenen Belichtungen werden dann in Photomatix geladen, wo ich für dieses Foto folgende Einstellungen verwende:




Bei den ganzen Reglern in Photomatix ist dann Fingerspitzengefühl gefragt. Sehr gerne kann man es hier übertreiben. Darum sehen dann auch so viele HDRs „scheisse“ aus. Man sollte nicht mit der Einstellung rangehen, dass das Ergebnis schon in Photomatix überzeugend aussehen muss. Den Feinschliff muss man dem Ergebnis aus Photomatix erst später via konventionelle Bildbearbeitung geben. Das Photomatix-Ergebnis muss vor allem die Kontraste angleichen. Daher darf es auch ruhig etwas flau aussehen. Strength setze ich immer auf Werte zwischen 80 und 100. Luminosity steuert die Aufhellung der Schatten und sollte je nach Bild auf neutral bis +10 gesetzt werden. Negative Werte machen selten Sinn. Den Microkontrast drehe ich gerne etwas hoch um die Details zu verstärken. Bei Einstellungen nahe 0 nimmt man auch etwas vom typischen HDR-Look weg, wenn das gewünscht ist. Die wichtigste Einstellung ist das Smoothing welches strikt auf Werte zwischen 8 und 10 gesetzt werden sollte, wobei 10 die realistischste Kontrastdarstellung sicherstellt. Zu niedrige Werte bei diesem Regler versauen die meisten HDRs. Die white und black points sollte man bis auf wenige Ausnahmen auf 0.003% setzen, so dass der Kontrastumfang eines 16bit-TIFFs maximal ausgenutzt werden kann und auch keine Details abgeschnitten werden. Das Micro-Smoothing reduziert das Bildrauschen und sollte je nach Bildrauschen etwas höher oder tiefer gewählt werden. Es reduziert aber auch den Mikrokontrast. Ich verwende meistens Werte zwischen 2 und 8.

Die restlichen Einstellungen können 1:1 übernommen werden und müssen normalerweise nicht angetastet werden.

Nun kommt der Feinschliff in Lightroom:

Das Bild aus Photomatix wird nun als 16bit-TIFF in Lightroom importiert und gleich bearbeitet. Dort erhöhe ich eigentlich immer noch etwas die Klarheit und die Dynamik, reduziere aber auch die Sättigung. Am wichtigsten jedoch ist die Gradiationskurvenanpassung. Sie sollte S-Förmig ausfallen. Bei diesem speziellen Bild mussten vor allem die oeren Mitteltöne verstärkt werden, um das Bild kontrastreicher wirken zu lassen. Oft lege ich noch eine leichte orangefarbene Tönung über das Bild oder füge eine künstliche Vignettierung ein, wenn diese nicht schon vom Objektiv gegeben ist. Hier war aber nichts weiteres ausser Nachschärfen und leichtes Entrauschen nötig.

Wenn euch dieser Gastartikel gefallen hat, schreibt doch einen kurzen Kommentar. Außerdem würde sich der David bestimmt darüber freuen, wenn ihr ihm einen Besuch auf seinem Flickr-Stream abstattet.

Das Endergebnis sieht man hier:



Weitere Bilder aus den Dolomiten:















  1. Wolfgang Heisel Antworten

    Sehr schöne Fotos und sehr schön zu lesen, dass die meisten HDRs “scheiße” aussehen. Stimmt! Hier nicht!
    Das erwähnt “neo HDR” würde natürlich auch interessieren.

  2. Silke Antworten

    Was für eine tolle Bildserie! Mann, hab ich Augen gemacht! Wie man soo viel auf ein Bild bekommen kann! Und dann noch im dunkeln!!!

    Vielen Dank für diese tollen Erläuterungen dazu!!!

    Wieder ein neuer, genialer Kontakt in Flickr!

  3. Bruce Antworten

    Hallo! Guter Artikel. Liest sich sehr angenehm und ist interessant. Mehr davon!

    Jedoch ist das Bild mit dem Auto “oben” im Artikel ein anderes als das “unten” nach den Lightroom-Screens, richtig? Oder verschwimmt der Himmel einfach vor meinen Augen? ;)

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