Makrofotografie: Teil 2 – Herangehensweise, Motivfindung, Aufnahme



“Unser heutiger Gastautor ist Akira Schüttler. Er fotografiert seit 2007 und ist 2008 mit einem eigenen Studio eingestiegen. Auf die Fotografie ist er durch einen Bekannten gekommen der in ihm Potenzial gesehen hat.
Seine beiden fotografischen Gebiete sind die People- und die Makrofotografie. In dieser ganzen Serie aus Gastartikeln wird er uns einen Überblick über die Makrofotografie geben und einen einfachen Einstieg in das Thema ermöglichen.”

Heute geht es um die grundlegende Herangehensweise, die Motivfindung und die darauffolgende Aufnahme.
Los geht es mit einem Video.

Herangehensweisen / Motivfindung

Wie im Video erwähnt empfehle ich euch, euch ersteinmal mit der Location vertraut zu machen. Am Besten geht das bei mir immer ohne Kamera und Equipment.
Natürlich könnt ihr eure Kamera auch einfach im Rucksack / in der Tasche auf eurem Rücken lassen, wichtig ist nur, dass ihr euch bewusst auf die Motive konzentriert, die die Location hergibt. Als Beispiel habe ich mich in meinem Garten auf die Blüten der vielen Pflanzen konzentriert, aufgrund der Jahreszeit und der Witterung waren es nicht besonders viele, aber trotzdem konnte ich einiges finden. Seit nicht zu bewegungsfaul bei der Suche, mir persönlich hilft es immer sehr mich in die Position der Kameralinse zu begeben und zu überprüfen, ob es sich bei einem Motiv überhaupt lohnt dass ich mein Stativ aufbaue.

Nachdem ich dann ein paar Motive im Kopf habe erstelle ich meist eine Art Bestenliste, die ich dann relativ systematisch abarbeiten kann. Dann schnappe ich mir Stativ und Kamera und beginne mit dem ersten Motiv.



Aufnahme

Die Aufnahme gestaltet sich meistens etwas langwieriger als man sich das im Vorfeld vorgestellt hat. Bis alleine das Stativ sicher steht brauche ich schon manchmal 5 Minuten oder mehr. Wichtig beim Stativaufbau ist, dass ihr eure Mittelsäule möglichst eingeschoben lasst, da das Stativ so am effektivsten Vibrationen dämpfen kann. Falls das nicht möglich ist müsst ihr eure Spiegelvorauslösungs-Verzögerung auf einen höheren Wert stellen. Setzt dann die Kamera auf das Stativ und stellt eure Einstellungen richtig ein (siehe erster Teil meiner Gastbeitragsserie). Prüft bereits vor der Aufnahme ob der Schärfepunkt auch wirklich da sitzt wo ihr ihn haben wollt. Am besten geht das im LiveView Modus mit der Ausschnittsvergrößerung.

Nach der ersten Aufnahme geht es mir meistens so, dass ich das Bild nicht optimal finde, sei es nun aufgrund der Belichtung, der Schärfe oder wegen eines falsch gewählten Bildausschnitts. Deshalb verstelle ich zum Beispiel die EV-Korrektur in der Kamera zur Optimierung der Belichtung (wenn ich im A-Modus arbeite) und mache eine weitere Aufnahme. So taste ich mich an das für mich optimale Ergebnis ran. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Serie 20 Bilder umfasst, und das nur um ein Motiv ansprechend zu fotografieren. Natürlich gibt es da noch Techniken wie Focus Blending und ähnliches, aber das sei hier nur mal erwähnt.



Das Bild – Tipps&Tricks

Wichtig ist, dass man sich beim Fotografieren an einige Regeln hält. Später ist es natürlich reizvoll diese auchmal bewusst und oft leicht überspitzt zu brechen. Das Hauptmotiv, also zum Beispiel eine Blume, wird oft komplett zentral im Bild angeordnet. Das Bild wirkt dann eher langweilig. Da hilft es das Bildfeld in 9 Kacheln zu teilen, also in der Höhe und in der Breite jeweils 3 Kacheln, und das Hauptmotiv gedanklich dann in die Schnittpunkte dieser Kacheln zu positionieren. Dadurch wird das Bild spannender, da der Betrachter das Motiv nicht da vorfindet wo er es erwartet. Diese wichtige Regel ist allgemein als “Drittelregel” bekannt. Bei symmetrischen Motiven, zum Beispiel einer perfekt runden Blüte kann man auch versuchen die Blüte bildfüllend zentral anzuordnen. Allgemein ist zum Bildaufbau zu sagen, dass derjenige, der experimentiert und sich nicht strikt immer an Regeln hällt meistens auf der Gewinnerseite ist. Also ein bisschen mehr spontan entscheiden und nicht so auf den Kopf hören beim fotografieren, dann werden eure Bilder auf lange Sicht abwechslungsreicher, als wie wenn ihr ständig jedes Motiv in die Drittelregel setzt.



Formen und Linien sind in der Makrofotografie sehr wichtig. Dabei hat jede Form und jede Linienführung eine Aussage. Waagerechte und senkrechte Linien geben dem Bild etwas statisch-ruhendes, wohingegen diagonale Linien dem Bild etwas dynamisches geben. An Linien wird der Blick des Betrachters geführt, er muss die Linie mit seinen Augen abfahren. Dabei wird unterschieden in aufsteigende (von links unten nach rechts oben) und abfallende (andersrum) Linien. Aufsteigende Linien werden positiv wahrgenommen, bei abfallenden Linien wird der Betrachter schnell aus dem Bild herausgeführt. Allgemein finde ich, dass man sich nicht zu viel an dieser Theorie aufhalten sollte, schnell verrennt man sich darin nurnoch Punkte, Linien und Flächen zu sehen, aber das Motiv außer Acht zu lassen. Wer sich weiter über das Thema informieren will, dem empfehle ich diesen Link.
Punkte sind sehr wichtig in der Fotografie, denn sie lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Das ist in der Makrofotografie sehr wichtig wenn es um die Gestaltung des Hintergrundes geht. Zum Beispiel hat man ein tolles Hauptmotiv, im Hintergrund ist aber unscharf ein Knallrotes Straßenschild zu erkennen. Der Betrachter sieht erst das rote Schild und konzentriert sich nicht auf das, was ihr ihm eigentlich zeigen wolltet. Deswegen gilt es andersfarbige Punkte im Hintergrund zu vermeiden, oft kann man diese störenden Punkte in der Nachbearbeitung schnell und einfach entfernen (siehe Teil 3).



Mein nächster Tipp: Nah ran! Geht richtig nah ran und nutzt den Fokusbereich eures Objektives voll aus. Also die Naheinstellgrenze im Fokus wählen und dann die Kamera so nah ans Motiv verschieben, bis das Bild scharf ist. Ihr werde erstaunt sein, was für andere Motive sich dann auf einmal ergeben. Oft sieht die Kamera Kleinigkeiten, die ihr bei der Motivsuche garnicht wahrgenommen habt. Dann heißt es spontan reagieren und die Kamera soviel hin- und herschieben bis das Bild passt. Deshalb nutzen viele (faule) Makrofotografen auch Einstellschlitten, da es bei solchen Abständen zum Motiv auf jeden Millimeter ankommt. Meistens arbeite ich mich vom Nahen zum Fernen, mache also zuerst Bilder mit maximalem Abbildungsmaßstab (siehe Teil 1) und gehe dann immer weiter weg bis ich das Motiv voll im Bild habe. Oft ergibt sich dann erst in der Bildauswahl (kommt in Teil 3) welche Aufnahme mir am ehesten zusagt. Daher auch der Tipp möglichst viele Aufnahmen zu machen.



Andere Perspektiven. Schonmal eine Blume, einen Pilz oder eine andere Pflanze von unten fotografiert? Nein? Dann aber flott! Der Grundsatz dem Betrachter zu zeigen, was er sonst nicht sieht gilt auch hier. Deshalb, öfters mal auf den Boden legen und Motive aus der Sicht einer Ameise fotografieren. Wer nach einer Makrofototour noch eine saubere Hose hat war nicht mit vollem Einsatz dabei.

Umschärfe bewusst einsetzen um Motive zu isolieren. Wie ihr im ersten Teil gelernt habt kann man mit einer großen Blendenöffnung (kleine Blendenzahl) ein Motiv scharf darstellen, während der Hintergrund unscharf dargestellt wird. Das Auge schaut zuerst auf die scharfen Bereiche, daher könnt ihr mittels der Unschärfe (auch Bokeh genannt) selbst bestimmen, was auf eurem Bild wichtig ist und was nicht. Ich spiele sehr gerne mit der Unschärfe im Bild (siehe Ergebnis aus dem Videoshooting unten) und zeige euch im dritten Teil meiner Serie noch einen Trick wie ihr Unschärfe an den richtigen Stellen ins Bild zaubert wenn ihr kein (kostenintensives) offenblendiges Objektiv besitzt.

Zum Schluß das wichtigste: Ruhe bewahren. Anders als in anderen Bereichen der Fotografie rennen euch in der Makrofotografie die Motive nicht weg. Wenn ihr euch also meinen Tipp mit den anderen Perspektiven zu Herzen genommen habt und seit zwei Stunden am Boden lang kriecht, dann macht direkt darauf eine Pause, setzt euch auf eine Bank oder einen Stein und lasst die Location auf euch wirken. Schaut euch auf eurem Kameradisplay eure bisher geschossenen Bilder an, das fördert die Kreativität und baut (meistens zumindest) weitere Motivation auf doch noch das ein oder andere ausprobieren zu wollen. Nehmt euch also Zeit beim Fotografieren.
Wenn ihr schon genau wisst, dass ihr in 10 Minuten einen Termin habt bringt es nichts noch in starkem Stress ein paar Fotos auf den Sensor zu knüppeln.



Hilfsmittel für Makrobilder

Neben den im ersten Teil genannten praktischen Helfern gibt es auch einige Tools, die euer Endbild spannender machen.

Oft nutze ich Wasser zur Unterstützung der Bildwirkung. Zu empfehlen ist ein Blumensprüher (gibts in jedem Haushalt) und eine Pipette (in der Apotheke nachfragen). Mit dem Blumensprüher könnt ihr flächig Wasser auftragen, dabei ist es wichtig, dass ihr ihn nicht zu fest bedient, damit möglichst große, zusammenhängende Tropfen entstehen. Mit der Pipette könnt ihr gezielt einzelne Tropfen auftragen. Manche Blattoberflächen verhalten sich bei der Benetzung mit Wasser unfotogen, die Tropfenform bildet sich nicht richtig aus. In diesem Fall könnt ihr mit einer Creme oder etwas ähnlichem die Blattoberfläche behandeln. Durch die Fettschicht verhält sich der Wassertropfen angenehmer.
Wenn das Motiv unsauber ist verwende ich vorher einen Rasierpinsel um Erdrückstände zu entfernen.



Videoshooting

Mit dem Video hatte ich dieses Mal einige Probleme. Von wegen sonniger Tag, wir wurden von ständig wechselnden Regenschauern heimgesucht, das ist auch der Grund warum ich im Video so eine dicke Jacke trage. Mein Filmteam bestand dieses mal nur aus Christian ( www.christian-schmitt.info ), der als Kameramann fungierte. An dieser Stelle vielen Dank an ihn. Auch am Schneidetisch war ich dieses Mal ganz alleine. Zum Schluß stand ich mit Regenschirm an dem im Video gezeigten Baum und machte diese Aufnahme:



Die Aufnahme lebt von den diagonal aufsteigenden Mooshärchen und dem Farbkontrast Grün-Braun. Das Hauptmotiv wird von hinten links angestrahlt, diese Gegenlichtsituation hebt die Härchen vom Hintergrund ab.

Ihr habt jetzt einiges Praxiswissen vermittelt bekommen um ansprechende Makroaufnahmen zu machen.
Jetzt seid ihr dran, geht raus, probiert und experimentiert herum und macht viele tolle Aufnahmen!
Im nächsten und voraussichtlich letzten Teil meiner Serie zeige ich euch dann wie ihr das beste Bild einer Serie auswählt, die Nachbearbeitung durchführt und das Bild in Internet, z.b. auf Flickr hochladet. Ich zeige euch einen kompletten Workflow, vom Importieren der Bilder bis zur Veröffentlichung oder dem Druck.
Als Software verwende ich Adobe Lightroom 3, die kostenlose Demoversion könnt ihr euch auf der Webseite von Adobe downloaden.

Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen. Über Kommentare und Anregungen freue ich mich immer.

Viele weitere Infos und Beispielbilder findet ihr auf meiner Webseite www.akiraschuettler.de und in meinem Blog unter http://blog.akiraschuettler.de.

Bis zum nächsten Beitrag, Akira



  1. Ronny Antworten

    Hallo,

    auch der zweite Beitrag zum Thema Makrofotografie finde ich wieder sehr gelungen, vor allem die Ergebnisse finde ich beeindruckend, auch das Video ist wieder sehenswert. :-)

    LG, Ronny

  2. malte+ Antworten

    Wieder ein sehr ausführlicher und gute geschriebener Artikel, in dem mir vor allem die letzten zwei Bilder besonders gut gefallen.

    Tolle Serie, weiter So!
    malte

  3. Marius Hepp Antworten

    Der Artikel gefällt mir genauso gut wie der erste. Noch besser sind diesmal die Bildergebnisse, man merkt, dass da einer schreibt, der weiß, wie es in der Praxis wirklich funktioniert :)

  4. Akira Schüttler Antworten

    Hey Leute,
    vielen Dank für euer Feedback. Es freut mich dass euch der Beitrag gefallen hat. Interessant, dass euch die Bildergebnisse dieses Mal so auffallen, war die selbe Mixtur aus meinem Portfolio, die es auch das letzte Mal gab. Vielen Dank für die Komplimente!

    Ich stecke grad am Konzept für den dritten Teil der Serie, wird bestimmt wieder interessant werden.

    Viele Grüße Akira

  5. LostCougar Antworten

    Klasse Beitrag!!
    Vielen Dank für den Beitrag! Sehr schöne Aufnahmen. Die Idee mit dem Moos gefällt mir besonders gut!

    Gruß
    Björn

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