Fotografie, was soll nur einmal aus dir werden?

Achtung: Folgender Text wurde mit jugendlichem Leichtsinn verfasst. Wer nicht in der Stimmung für visionäre Gedankenspiele ist, der zieht sich bitte einfach eines unserer schon veröffentlichten Tutorials rein oder wartet auf übermorigen Artikel. Dann geht’s hier lichtathletentypisch praxisorientiert weiter. Alle anderen sollten sich heute mehr denn je angeschrieben fühlen, ihre Meinung zu diesem verbalen Rundumschlag zu publizieren. Auch wenn ich meine Gedanken bewusst unsortiert habe fließen lassen, möchte ich euch diesen Inspirationsstrom nicht vorenthalten. Umso gespannter bin ich auf eure Meinungen, die ihr gerne am Ende des Artikels in den Kommentaren äußern könnt.


Die Fotografie ist eine facettenreiche Mixtur aus Kunst und Handwerk. Diese Symbiose führt zu zwei verschiedenen Typen von Fotografen. Der eine bewaffnet sich mit einem Arsenal aus Testcharts, Probekatzen und 1000 Seiten unumgänglichem Lesestoff, während der andere sich angetrieben durch seine Kreativität Hals über Kopf in die Praxis stürzt. Was ihm diese sagenumwobene Blendenzahl eigentlich mitteilen möchte wird er wohl ebenso spät erfahren, wie sein technikverliebtes Gegenüber ein Gespür für Ästhetik entwickelt. Dabei könnten doch beide voneinander profitieren. Schließlich zeigen doch schon die gigantischen Werbeplakate und brillanten Hochglanzmagazine doch eindeutig: Clean sells! Oder etwa doch nicht? Wie sonst ließe sich der wiederaufkeimende Retrolook sonst erklären. Hier wird Rauschen hinzugefügt was das Zeug hält, Farben bis in die totale Irrealität verschoben und am Ende noch eine fettschwarze Vignette hinzugefügt. Die einzige Gemeinsamkeit der kontrastierenden Rivalen: Die Nachbearbeitung. Und die wird immer ausgefeilter. Während die einen Kratzer entfernen, werden die von anderen hinzugefügt. Während die einen versuchen, ihr ohnehin schon schneeweißes Indoorstudio immer weiter aufzupolieren, montieren die anderen ihre Models in verdreckte Industriegebiete. Man kann wahrlich behaupten, es tobt momentan ein waschechter Stilkampf.

An sich belebt Konkurrenz ja das Geschäft. Der durch das Internet immer offenere Markt sorgt für frischen Wind im vor nicht allzu langer Zeit zu Verstauben drohenden Business. Man könnte meinen, es sei alles in Butter im Fotografeneldorado. Das Problem dabei: Die ursprüngliche Fotografie, als Abbild der Wirklichkeit scheint dabei langsam zwischen den Fronten zerquetscht zu werden. Grunge und Hochglanz lassen der Reportage keine Luft mehr zum atmen. Das dieser Trend existiert, lässt sich kaum noch bestreiten, welche Folgen er haben wird scheint allerdings noch völlig unklar. Die Fotografengemeinde steht vor einer richtungweisenden Weichenstellung. Entweder man begibt sich auf dem Pfad der Malerei, hin zur Illustration, setzt die Postproduction zur Verdeutlichung der Bildaussage ein, verliert damit aber an Glaubwürdigkeit oder man verzichtet auf Korrekturen abseits von Kontrast und Schärfe, läuft damit aber Gefahr, den Heißhunger der Medien nicht mehr sättigen zu können. Ein weiteres Problem hierbei: Wer entscheidet, was zu „angebrachten“ Methoden gehört und was nicht? Wer entscheidet, ob die interne Schärfung der Kamerasoftware erlaubt ist oder das Bild schon verfälscht?

Letztendlich wohl der Markt. Die bereits beginnende Zweigespaltenheit wird sich wohl auch in Zukunft fortsetzen. Es scheint auf den ersten Blick so einfach zu sein: Pressebilder so natürlich wie möglich, Werbefotos so natürlich wie nötig. Bei näherem Hinschauen offenbart sich allerdings ein unlösbares Dilemma. Denn die Medien wollen ihre Informationen so effektiv wie möglich kommunizieren. Da sind Fotomontagen nur die Spitze des Eisbergs jener Allheilmittel, zerstören aber auf der anderen Seite das Vertrauen der Konsumenten. Ebendieses Vertrauen will auch die Werbung wecken, ist dabei allerdings auf die Macht der Überzeichnung angewiesen. Auch sie braucht also beides: Realität und Irrealität. Auswege aus dieser Zwickmühle gibt wohl keine. Die Bildbearbeitung lässt sich nicht aus der Geschichte tilgen. Und das ist auch gut so, schließlich bietet sie eine Vielzahl an Vorteilen.

Führt man sich die momentane Situation des Mediums Fotografie vor Augen, scheint die Zukunft nicht wirklich rosig auszusehen. Was einst als wirklichkeitsnähestes Abbild allen Seins begann, steht nun an einem Scheideweg. Links setzt die Malerei als freiere Form des kreativen Ausdrucks zum Überholvorgang an, während das Video aufgrund seiner glaubwürdigeren Erscheinung rechts den Turbo zündet. Es bleibt zu hoffen, das der zuvor beschriebene Klassenkampf in einer für alle Gewinn bringenden Symbiose resultiert, die Fotografie in sich in seiner Vielfalt selbst bereichert und eine Lösung findet, Realitätsnähe und Veranschaulichung vertrauensvoll zu vereinen.

  1. Akira Schüttler Antworten

    Hey Lichtathlet!
    Wirklich toller Beitrag, hat mir viel Spaß gemacht zu lesen.
    Interessante Themen die du da ansprichst, da kommt in mir immer wieder die Frage auf “Was ist ein Fotograf eigentlich?” und natürlich das Thema der Bildbearbeitung.
    Prinzipiell steht ja jedem frei zu tun und zu lassen was er will, und genau deshalb ist die Fotografie ja so vielschichtig.

    Viele Grüße Akira

  2. Tobias Antworten

    Ist das gewollt, dass der zweite Absatz am Ende nochmal kommt?

    Schön geschrieben. Bringt einen zum Nachdenken.
    Ich bin selber zur Fotografie gekommen, weil ich spaß dran hatte Bilder zu komponieren. Also besondere Motive und Blickwinkel zu finden um das Motiv besser wirken zu lassen, und so.. Da war ich als Kind mit ner kompakten analogen Kamera ohne Zoom immer sehr gut drin.
    Dann hatte ich ne digitale Bridge-Kamera wo das auch noch ganz gut funktionierte, der Ausschuss aber viel höher war, da ich wirklich jeden Scheiß fotografierte.
    Jetzt hab ich meine erste DSLR, und ich beschäftige mich fast nurnoch mit der Technik, und es fällt mir echt schwer mich auf das Motiv zu konzentrieren.
    Ich mache zur Zeit fast nur Testfotos, und fotografiere jedes Motiv in 5 verschiedenen Kameraeinstellungen. Und es fällt mir schwer von der technischen Fotografie wieder zur künstlerischen Fotografie zurückzukehren. Ich hoffe, dass das wieder kommt, wenn ich meine Kamera besser kennengelernt hab.
    Ich würd mir aber keine Sorgen um die Fotografie ansich machen. Malerei ist keine Konkurenz, und Videos sind eher eine zusätzliche Bereicherung und können die Fotografie nie ablösen.
    Und ob Retro oder Clean … Beides hat seine Berechtigung. Geschmäcker sind halt verschieden. Und dadurch wird die Fotografie nur vielfältiger den je..

  3. Marius Hepp Antworten

    Danke für den Hinweis, ist natürlich keine Absicht, sollte nur am Ende stehen! Auch vielen Dank für eure beiden Meinungen., immer wieder bereichernd andere Perspektiven kennen zu lernen.

    @Tobias: Das ging mir zu Beginn genau gleich, hat sich mit der Zeit aber wieder gelegt. Irgendwann ist die Begeisterung für neue Bildideen sogar noch größer als deine jetzige für die Technik :)

    Viele Grüße,

    Marius

  4. Kayamaran Antworten

    Heyho,

    mir erschließt sich der Sinn, bzw. die Ursache des Artikels nicht so ganz. “verbaler Rundumschlag”- gegen wen, oder was? – Den Markt? Das Streben nach technischer Perfektion und glattgebügelten Photoshopergüssen?

    Ganz ehrlich bin ich persönlich froh, nicht den Anspruch zu haben mein Hobby zum Beruf zu machen, denn so kann ich tun und lassen was ich will, weil ich niemandem gerecht werden muss. Ich entscheide, ob ich extrem nachbearbeite, oder eben nicht. Wenn es mir gefällt, dann ist es gut und “muss” niemandem gefallen.

    stempfelt mal den Regen da draussen weg! ;)

    Grüsse aus Osnabrück
    K.

  5. Michael (R.) Antworten

    Hm, die Diskussion ist ja keineswegs neu. Im Gegenteil, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis ist die Fotografie in dem Augenblick weg vom authentischen Abbild gekommen, als sie versucht hat Kunst zu sein. Die Trennung von “objektiv wissenschaftlicher” und “subjektiv pictorialistischer” Fotografie fand noch im 19 Jh. statt, also wenige Jahrzehnte nach deren Erfindung. Auch die gute alte analoge Fotografie hat bereits rund ein dutzend Glaubwürdigkeitskrisen hinter sich, soviel steht fest.
    Ich würde eher noch von zwei anderen Seiten Licht auf die Fragestellung werfen. Zum einen ist Fotografie ein Medium, und als solches verbindet es eine Kommunikationsabsicht (die des Fotografen) mit einer Lesart des Betrachters. Bildaussage und Bildinhalt können hier kongruent sein, müssen aber nicht. Stil ist nur eine Facette der Kommunikationsabsicht und war das in der Fotografie schon immer. Das lässt sich schön nachvollziehen an der Coevolution von Fotografie und Malerei im 19. Jh und zur Jahrhundertwende. Während die Fotografie versuchte, sich im Pictorialismus der Malerei zu nähern, entwickelte sich dort über den Impressionismus ein ganz anderer Stil. In der Fotografie wurde der P. irgendwann durch die Straight Photography der Gruppe f64 abgelöst, in der Malerei setzte sich irgendwann die Neue Sachlichkeit und das Bauhaus durch. Der Markt oder die Szene regelt in Stilfragen durch Mehrheitsbeschluss. Authentizität war da schon kein Thema mehr.
    Zum anderen würde ich an dieser Stelle die Verknüpfungen der Thoerie der Fotografie zur Semiotik anführen. Eine der verbreitetsten ist der semiotische Ansatz vone Peirce, der drei Klassen von Zeichen unterscheidet: das Ikon, das auf Ähnlichkeit zum abgebildeten basiert, das Symbol, das keine unmittelbare Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung birgt, sondern auf Konvention beruht, und als letztes den sog. Index. Indexikalische Zeichen werden durch den Sachverhalt, den sie anzeigen, indirekt hervorgebracht.
    Fotografie, so die Lehrmeinung, steht in letzterem Zusammenhang, d.h. ein Foto wird von dem Licht, das der fotogrfierte Gegenstand zurückwirft, verursacht.
    Möglicherweise befinden wir uns jetzt an einer Kulturscheide, an der sich die semiotische Klassifikation der Fotografie verändert, hin zum ikonischen und/oder symbolischen. Das digitale Bild steht immer weniger in Zusammenhang mit dem verursachenden Licht und wird immer mehr der freien Kreativität des Künstlers unterworfen. Im Gegensatz zu den bekannten Techniken wie der Collage ist das so entstehende Bild allerdings nicht notwendigerweise vom unverfälschten Bild unterscheidbar, bzw. die Unterscheidbarkeit ist als Stilmittel bewusst mit eingebaut worden.
    Klingt jetzt alles ein wenig verworren, merk ich schon. Vielleicht regt das Statement ja trotzdem die Diskussion ein wenig an.

  6. Marius Hepp Antworten

    Hey, danke auch für die beiden letzten Kommentare.

    Der Sinn dieses “Rundumschlags” lag darin, grundsätzlich zum Nachdenken über die Fotografie anzuregen. Durchaus auch ein bisschen weniger praxisorientiert als sonst, dafür aber mit der Chance auf neue Sichtweisen. Wenn das dazu führt, dass solche grandiosen Kommentare, wie der von Michael zu Tage gefördert werden, ist dieses Ziel für mich persönlich gelungen. Was er da noch an bestehendem Hintergrundwissen mit der Fragestellung verwebt wird, schreit ja geradezu nach einem Gastartikel zu diesem Themenkomplex. Werde dich mal darauf anmailen.

    VIele Grüße,

    Marius

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