Interview mit dem iPhone Fotografen Sascha Unger

Wir haben es ja bereits im Juli und August angekündigt, jetzt ist es endlich geschafft: Wir können euch heute voller Stolz unser zweites Fotogespräch präsentieren. Nach unserem Videointerview mit Calvin Hollywood haben wir diesmal den weitaus weniger bekannten aber in seiner Nische genauso erfolgreichen Fotografen, Sascha Unger (Flickr), per Mail ausgefragt. Dabei haben wir unseren Fokus vor allem auf die Themen mobile Fotografie und Bildbearbeitung sowie die Relevanz guter technischer Ausrüstung für gute Fotografie gelegt. Wir glauben, dass Saschas Kunstwerke, die alle mit der viel gescholtenen iPhone-Kamera aufgenommen und verarbeitet wurden, darauf ihre eigene Antwort geben. In diesem Sinne: “Das Bild macht der Fotograf, nicht die Kamera”. Viel Spaß mit dem Interview:






Danke Sascha für deine spontane Antwort auf unsere Interviewanfrage. Stell dich unseren Lesern doch einfach mal kurz vor.

Ja, mein Name ist Sascha Unger, ich bin 39 Jahre alt und wohne zurzeit in Berlin. Eigentlich komme ich aus Nordrhein-Westfalen und bin nur für meinen Job in die Hauptstadt gezogen, wo ich als Redakteur und Mediengestalter für eine große Tageszeitung arbeite. Das heißt, ich arbeite jeden Tag mit Hunderten von Fotos – nur nicht mit meinen eigenen. Schade eigentlich…

.. und dennoch ist bei dir das Machen von eigenen Bildern ein nicht gerade vernachlässigter Bestandteil deines Tagesablaufs. Wie bist du eigentlich zur Fotografie gekommen und was hat dich dazu bewogen, nur mit dem iPhone auf Tour zu gehen?

Ich habe schon als 10-Jähriger mit der Kamera meines Opas fotografiert und später sogar eine kleine Dunkelkammer besessen. Die Digitalfotografie hat dann neue Impulse geliefert – und heute faszinieren mich die Möglichkeiten, die das iPhone in punkto kreativ-skurriler Bildbearbeitung und schnellen Hochladens zu Flickr bietet. Aber abseits von Flickr bin ich immer noch mit einer “echten” Kamera unterwegs, zurzeit mit einer Bridge von Fuji, der Finepix S100FS.

In einer Zeit in der das größte deutschsprachige Digitalkameraforum allein fast 100.000 Beiträge zum Thema “Kaufberatung” zählt, ist die Technik im Kopf vieler Fotografen in den Mittelpunkt gerückt. Wie schätzt du die Relevanz von Technik in der Fotografie ein?

Ich glaube ja, dass die Technik oft überbewertet wird, jedenfalls im Amateurbereich. Man muss keine 2000 Euro für eine Kamera ausgeben, um brauchbare Fotos zu machen. Viel findet heute doch eh in der Nachbearbeitung statt, und da lässt sich selbst aus einem Kompaktkamera-Foto noch was Anständiges rausholen.
Was viel mehr zählt, ist der Mensch hinter der Kamera. Die teuerste Ausstattung und das beste Bearbeitungsprogramm nützen nichts, wenn du kein Auge fürs Motiv hast.
Und deshalb liebe ich ja auch die iPhone-Fotografie. Die Kamera ist natürlich schlecht, auf die Technik kannst du dich also nicht verlassen. Es gibt keinen Zoom, Proportionen lassen sich nicht richtig abbilden – im Grunde genommen alles ein richtiger Mist. Also bist du selbst gefordert. Du musst nah ans Objekt ran, das Bild muss bei dir schon im Kopf entstanden sein, bevor du den Auslöser drückst.
Das Ergebnis ist dann meist sehr überraschend, sowohl in positiver als auch negativer Hinsicht. Wenn du mit bestimmten Apps fotografierst, bekommst du die Bearbeitung gleich frei Haus geliefert und erhälst oft die skurrilsten – und fantastischsten – Bilder.
Natürlich ist auch dies ein technischer Aspekt – aber ohne deine Vorleistung nützt das alles wenig.
Die Unterschiede zu meiner Bridge sind natürlich gewaltig, eine Handykamera kann nie die technische Reife ihrer “großen” Brüder erlangen. Aber der bedeutendste Unterschied und Vorteil ist, dass du deine Handykamera immer dabei hast und somit viel flexibler bist und mit offeneren Augen durch die Stadt gehst.
Eine DSLR brauche ich nicht. Meine Fuji-Bridge ist ja im wesentlichen eine Spiegelreflex – wir sprechen hier ja nicht von einer 69-Euro-Kompaktkamera. Ich besitze Tele- und Weitwinkelobjektiv und kann bei Bedarf auf manuellen Modus umschalten. Das reicht mir im Moment. In Verbindung mit meinem iPhone optimal.

Auch die Nachbearbeitung polarisiert mit dem Fortschritt der Möglichkeiten immer weiter. Du nutzt sie als auffälligen Teil deines Bildstils und hast angedeutet, dabei ausschließlich Apps zu verwenden. Wie sieht da ein konkreter Workflow aus?

Das iPhone-Ausgangsfoto ist in aller Regel nicht gut, also musst du es nachbearbeiten. Da ich das nicht gerne am Rechner mache, nutze ich hierfür die verschiedensten Apps – so an die 30 habe ich geladen. Meine Favoriten ändern sich ständig, im Moment verwende ich sehr häufig Picture Show wegen seiner diversen Filter, Rahmen, Effekte und Farb-, Kontrast- bzw. Lichtkorrektur-Möglichkeiten. Auch Plastic Bullet ist klasse, obwohl recht skurril, und weriterhin die Klassiker Lo-Mob und Hipstamatic. Grundsätzlich bin ich dazu übergegangen, erst das iPhone-Standardbild zu machen und später zu bearbeiten. Man kann aber auch mit diesen Apps fotografieren, erhält dann sofort das gewünschte Ergebnis und lädt dann alles sofort hoch.Wie sehr ich die Bilder bearbeite, ist aber von Tag zu Tag verschieden. Mehr und mehr bleibe ich auch beim klassischen Schwarzweiß. Weniger ist oft mehr.

Hast du einen persönlichen Favorit unter deinen Bildern? Wenn ja, wie ist das Foto entstanden?

Schwer zu sagen. Das ändert sich auch ständig, meistens ist das neueste Bild immer das schönste… Favoriten sind immer die Schnappschüsse – die Bilder, die du mit deiner richtigen Kamera wohl nie gemacht hättest. Ein solches ist zum Beispiel dieses Foto:



Das ist in Köln in der Nähe des Doms entstanden, als ich die Treppe vom Rhein hochstieg. Das Licht war genial, und da kam dieser Mensch des Weges. Ich habe einfach aus halber Höhe draufgehalten und ausgelöst, ohne mir Gedanken über Bildkomposition etc. zu machen. Das Ergebnis – auch mit dem Schatten – hat mich positiv überrascht. Ein solches Bild ist immer ein Favorit…

Wo siehst du dich selbst als Fotograf in 1000 Tagen? Wie sehen deine Ziele, Träume oder Hoffnungen aus?

Ich hoffe, dass ich bis dahin immer noch Lust und Freude am Fotografieren habe und mir die Inspiration nicht ausgeht. Auch wird die Qualität der Handy-Kameras weiter zugenommen haben, so dass die Nachbearbeitung eines Tages vielleicht nicht mehr ganz so wichtig sein könnte.

Natürlich habe ich den Traum, das Hobby irgendwie auch zum Beruf zu machen oder es zumindest dort einfließen zu lassen, doch gibt es da wenig Hoffnung. Immer mehr Fotografen werden entlassen und kämpfen um ihre Existenz. Mit Foto-Kunst dauerhaft bestehen zu können, ist leider nur ganz wenigen vergönnt.

Nochmals vielen Dank für das Interview. Ich denke, dass wir einiges mitnehmen konnten.

Euch haben die Fotos gefallen? Dann werft doch einen Blick auf Saschas Flickrstream: Sascha_2010. Ansonsten würden auch wir uns über Rückmeldung freuen. Wie hat euch das Interview gefallen? Gibt es weitere Fragestellungen, die euch interessieren? War das Interview zu lang oder zu kurz? Wir freuen uns über jegliche Resonanz.

  1. Kayamaran Antworten

    wieder mal ein gutes Beispiel dafür, dass nicht das Gerät, DAS Bild macht. Weniger ist oft mehr. Ich versuch trotzdem mal, Verschlusszeiten und Blende zu verstehen ;)…Find ich gut, dass auch sowas hier Platz findet.

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